Überforderung und Wochenbettdepression

Nach neun langen Monaten ist dein Baby endlich auf der Welt. Da muss die Freude unbeschreiblich groß sein! Aber nicht immer ist das der Fall. All die Fragen, die du dir schon während der Schwangerschaft gestellt hast: „Was wird von mir erwartet?”, „Kann ich gut für mein Kind sorgen?”, „Schaffe ich das finanziell?”, „Was wird aus meiner Partnerschaft?” und ähnliche, verstärken sich nun. Denn jetzt ist das Kind da. Vielleicht fühlst du dich auf einmal überfordert, bist weinerlich und weißt gar nicht wohin mit den negativen Gedanken. Vielleicht zweifelst du sogar an dir aufgrund der fehlenden Euphorie. Viele Frauen fühlen sich nicht richtig vorbereitet auf ihre Rolle als Mutter und brauchen mehrere Monate, um richtig in ihrem „neuen” Leben anzukommen – vor allem, wenn sie zum ersten Mal ein Kind bekommen. Nach der emotionalen Anspannung einer Geburt verfallen viele Frauen in den „Baby Blues” oder sogar eine postpartale Depression, die man auch als „Wochenbettdepression” bezeichnet. Was genau der Unterschied ist, über welche Symptome sich das äußert und wann du dir Hilfe holen solltest, findest du in diesem Artikel.

Baby Blues oder Wochenbettdepression?

Schätzungen zufolge tritt bei 50 bis 80 Prozent der Mütter direkt nach der Geburt ein postpartales Stimmungstief auf. In der Regel vergeht es nach einigen Tagen wieder von alleine, dann spricht man vom sogenannten „Baby Blues”. Betroffene Mütter fühlen sich müde und erschöpft, sind empfindsam, haben keinen Appetit und können nicht schlafen. Sie haben Stimmungsschwankungen, sind traurig, emotional instabil und weinen häufig. Den genauen Grund dafür kennt man noch nicht, geht aber davon aus, dass sowohl körperliche, hormonelle, als auch psychische Faktoren Einfluss haben können.

Dieses Stimmungstief hält in der Regel nur wenige Stunden bis ein paar Tage an und verlangt aufgrund ihres häufigen Vorkommens und der zeitlichen Begrenzung keinen Behandlungsbedarf.

Dauern die Depressionen jedoch länger als zwei Wochen an, bezeichnen Ärzte das als „Wochenbettdepression”. Diese Art der peripartalen Depression ist schwerwiegender und kann schon während der Schwangerschaft oder bis zu zwei Jahre nach der Entbindung diagnostiziert werden. Häufig tritt sie jedoch innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt auf und kann verschiedene Formen von „leichten Anpassungsstörungen“ bis hin zu einem suizidalen Erscheinungsbild annehmen. Sie hat einen Krankheitswert und ist behandlungsbedürftig.

Die seltenere, aber schwerwiegendste Krisenerkrankung während oder nach der Schwangerschaft ist die peripartale Psychose, die auch aus einer bereits bestehenden Depression hervorgehen kann. Diese äußert sich in manischen und depressiven Phasen, extremen Angstzuständen und Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

Ursachen und Auswirkungen

Statistiken zufolge leiden ca. 10 bis 20 Prozent der Frauen im ersten Jahr nach der Entbindung an einer depressiven Phase. Die Symptome können sehr vielfältigen Ursachen geschuldet sein und sind von Person zu Person verschieden. Mögliche Auslöser peripartaler Depressionen könnten zum Beispiel die Umstellung der Hormone, Angst, Überforderung oder Überlastung durch die Vielzahl neuer Aufgaben sein. Lag bereits vor der Geburt eine psychische Erkrankung vor, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Wochenbettdepression ebenso wie bei schwierigen Familienverhältnisse oder traumatischen Erlebnissen, die die Frauen verarbeiten müssen. Vorhersagen kann man die Depressionen aber nicht.

Ein weiteres Problem ist der soziale Druck, dem die Frauen oftmals ausgeliefert sind. Sie stellen zu viele Anforderungen an sich selbst und wollen am liebsten eine perfekte Partnerin, Hausfrau und Mutter in einem sein – ein Wunsch, der nur schwer zu realisieren ist. Oft streben sie nach einem Idealbild. Kann dieses nicht erreicht werden, sind Frustration und Selbstabwertung die Folge.

Durch die Erkrankung der Mutter kann sich der Kontakt zwischen ihr und dem Baby nicht richtig entwickeln. Weil eine erkrankte Mutter meist nicht mehr fähig ist, den Bedürfnissen ihres  Kindes gerecht zu werden, kann auch das Kind depressive Interaktionsmuster entwickeln. Das äußert sich zum Beispiel, indem es sehr ruhig ist, sich oft zurückzieht und nur selten lächelt, wenn es im Kontakt mit Menschen ist. Untersuchungen ergaben sogar, dass betroffene Säuglinge im EEG (Elektroenzephalogramm) Veränderungen über dem rechten Frontallappen des Gehirns aufweisen, einen erhöhten Blutspiegel haben und auch ihre Stresshormone einen erhöhten Wert aufweisen. Die Auswirkungen können sich auch im kognitiven Bereich bemerkbar machen und über das Säuglingsalter hinaus anhalten.

Weil die Wochenbettdepression selten von alleine verschwindet, ist sie unbedingt behandlungsbedürftig.

Wo bekomme ich Hilfe?

Wenn auch du von postpartalen Depressionen betroffen bist, solltest du nicht lange warten und dir Hilfe suchen. Als erstes kannst du natürlich immer mit deinem Partner, Freunden und Verwandten sprechen, das hilft oft schon sehr. Eine professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen kann es aber nicht ersetzen. Dort klärt man dich über die Erkrankung auf und kann dich von deinen negativen Gedanken und Schuldgefühlen entlasten. Du kannst deine Zweifel und Sorgen aussprechen, dich austauschen. Man wird dir helfend zur Seite stehen.

In vielen Fällen ist eine Behandlung mit Psychopharmaka notwendig.

Es dauert seine Zeit, bis du in deine Rolle als Mutter hineingewachsen bist. Gespräche mit deiner Hebamme, Elternratgeber oder Kurse können deine Ängste, eine schlechte Mutter zu sein, mindern.

Scheue dich bitte nicht, dir fachliche Hilfe zu holen, wenn du unter oben genannten Symptomen leidest. Nur wenn es dir gut geht, kannst du auch gut für dein Kind sorgen.

Unterstützende Informationen und einen Fragebogen zur EPDS (Edinburgh Postnatal Depression Scale)-Selbsteinschätzung findest du unter anderem hier:

 

Schatten und Licht e.V.
Selbsthilfegruppe für Frauen mit Wochenbettdepressionen und Wochenbettpsychosen
www.schatten-und-licht.de